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Mitteilungen und Verfahren

06.12.2013

Von: Nikolai Odebralski

LG Bielefeld: schwerer sexueller Missbrauch - junge Mutter freigesprochen

Nach drei Verhandlungstagen hat die Jugendschutzkammer am Landgericht Bielefeld eine 23-jährige Frau vom Vorwurf des schweren sexuellen Missbrauchs ihrer seinerzeit etwa 3-jährigen Tochter freigesprochen.

I.

Die Staatsanwaltschaft Bielefeld hatte meiner Mandantin eine abscheuliche Straftat zur Last gelegt: sie sollte ihre seinerzeit dreijährige leibliche Tochter einem anderen Mann für sexuelle Zwecke zur Verfügung gestellt zu haben. Dieser habe dann unterschiedliche, teils massive sexuelle Handlungen zum Nachteil des Kleinkindes begangen, während meine Mandantin das Kind festgehalten habe; das Kind habe sich hierbei körperlich gewehrt und geweint. 

Im Rahmen der - sehr umfassenden - Ermittlungen hatte man jedoch den vermeintlichen Mann nicht ausfindig machen können. Ebenso wenig gab das andere Anhaltspunkte für die angebliche Tat, so gab es weder Schriftverkehr über das vermeintliche Geschehen noch sonstige handfeste Beweise. Die Anklage basierte somit alleine auf den Angaben der - nun zum Zeitpunkt der Verhandlung - sechsjährigen Tochter.

Meine Mandantin beteuerte nachdrücklich ihre Unschuld; sie sei vielleicht nicht immer eine gute Mutter gewesen und habe sich zu wenig um ihre Tochter gekümmert, die ihr hier zur Last gelegten Tat habe sie aber nicht begangen.

II.

Sie kontaktierte mich nach dem ersten Verhandlungstag erstmalig und bat unter Tränen um Hilfe.

Man hatte ihr für das Verfahren einen Pflichtverteidiger an die Seite gestellt – einen zwar sehr netten, aber auf dem Gebiet der Sexualstrafverfahren absolut unerfahrenen Kollegen -, welcher meiner Mandantin schon bereits zu Beginn der Verhandlung zu verstehen gegeben hatte, dass er ihr ihre Unschuldsbeteuerungen nicht abnehme und er auch nichts für sie tun könne. Man könne eigentlich gar nichts machen, er würde dazu raten, die Sache zu gestehen. Zudem läge ein aussagepsychologische Gutachten vor, welches zu dem Ergebnis gelangt sei, dass die Angaben erlebnisbasiert sein. Das Gutachten sei „sehr gut und an keiner Stelle angreifbar“.

Da die Angeklagte somit kurz davor stand, zu Unrecht einer langjährigen Haftstrafe zugeführt zu werden und sich offenbar niemand sonst für ihre Interessen einsetzen wollte, entschied ich mich erstmalig dazu, am zweiten Verhandlungstag in das schon laufende Verfahren einzusteigen (sog. „Quereinstieg“).

III.

Die Ermittlungsakte förderte dann überraschendes zu Tage, welches offenbar bislang sowohl von dem Verteidiger als auch von der Gutachterin übersehen worden.

So war die Anschuldigung durch die Tochter erstmalig im Rahmen eines Gespräches mit der Großmutter vorgebracht worden, welche offenbar ein Interesse daran hatte, das Kind dauerhaft zu sich zu nehmen

Die Großmutter hatte das Kind gezielt gefragt hatte, ob das von fremden Männern zwischen den Beinen gestreichelt worden war. Daraufhin hatte das Kind zunächst lediglich pauschal mit "ja" geantwortet. Anschließend hatte die Großmutter das Kind nicht nur wiederholt und unter Vorhaltung von einzelne, vermeintlichen Details danach befragt, was geschehen war. Darüber hinaus hatte die Großmutter sodann auch damit begonnen, Rollenspiele mit dem Kind durchzuführen, damit sich dieses an die vermeintlichen Übergriffe besser innerer. Hierbei hatte die Großmutter das Kind auch stets in dem Glauben bestärkt, dass die Erinnerungen an die Übergriffe richtig sein. Zu diesem Zweck hatte das Kind dazu veranlasst, sich die Geschichte des Übergriffes vor dem zu-Bett-gehen selbst vorzusagen, um das "Erlebte nicht zu vergessen".

Auch im Rahmen der dann durchgeführten polizeilichen Vernehmung war die Großmutter bei jeder Vernehmung des Kindes mit anwesend gewesen und hatte auf die Sprünge geholfen, wenn das Kind nicht mehr weiter wusste. Sogar im Rahmen der aussagepsychologischen Begutachtung war die Großmutter mit dabei gewesen und hatte steuernd in das Geschehen eingegriffen.

Es lag somit ein klarer Fall von erheblicher suggestiver Beeinflussung vor, welcher nach den von der Rechtsprechung aufgestellten Grundsätzen dazu führt, dass die Angabe einer aussagepsychologischen Begutachtung gar nicht mehr zugänglich ist. Dies hatte (nicht nur) die Gutachterin bis dahin offenbar vollkommen übersehen.

Und überhaupt: ist es nicht höchst ungewöhnlich, dass sich eine 6-jährige detailliert daran erinnert, was ihr im Alter von 2 Jahren passiert ist?

IV.

Letztlich rückte die aussagepsychologische Gutachterin dann aufgrund der neuen Erkenntnisse in der Verhandlung von den Ergebnissen ihres vorbereitenden schriftlichen Gutachtens ab und bestätigte, dass sie nun doch nicht mehr zuverlässig bestätigen könne, dass die Angaben des Kindes tatsächlich erlebnisbasiert sein.

Zu dieser Erkenntnis sei sie auch unter anderem deswegen gelangt, da die Angaben des Kindes in vielen Details nun so widersprüchlich sein, dass man hierauf eine zuverlässige Beurteilung der Aussage des Kindes nicht stützen können, denn die Angaben in der Hauptverhandlung hatten sich in zentralen Punkten von den bisherigen Schilderungen unterschieden.

Dies brachte die Nebenklagevertretung - welche sich in enger Zusammenarbeit mit der Großmutter offenbar zum Ziel gesetzt hatte, meine Mandantin so oder so einer hohen Gefängnisstrafe zuzuführen - auf die Idee, nunmehr zu behaupten, das Kind hätte sich nach der Vernehmung am Gericht an die Großmutter gewendet und aus eigenem Antrieb erklärt, warum sie in Teilen ihrer Aussage vor dem Landgericht von ihrer ursprünglichen Angaben abgewichen war.

Dieses Erklärungsmodell überraschte nicht nur das Gericht, sondern auch die von mir in dieser Sache kontaktierten anerkannte Psychologen, welche die nun nachgeschobene Erklärung teilweise als „völligen Schwachsinn“ bezeichneten.

Auch das Gericht erkannt nun deutlich, dass das Verfahren schon von Beginn an von der Großmutter im Stile eines Parteiverfahrens geführt worden war, offenbar ohne Rücksicht auf die Interessen des Kindes und die Wahrheit.

V.

Trotz deutlich erkennbarer Anhaltspunkte dafür, dass hier eine junge Frau vollkommen zu Unrecht auf der Anklagebank sitzt, war sich die junge (zwar sehr hübsche, aber mit der Sache vollkommen überforderte) Staatsanwältin nicht zu schade dafür – unter völliger Ignorierung der Fakten und mit teils abenteuerlichen und abstrusen Erklärungsmodellen – noch im Plädoyer zu behaupten, die „Täterschaft meiner Mandantin sei klar erwiesen“ und sodann die Verhängung einer Haftstrafe von vier Jahren und sechs Monaten zu fordern.

Das Landgericht hielt sich lieber an die Fakten und sprach meine Mandantin letztlich von dem abscheulichen Tatvorwurf frei.

Ein von der Verteidigung hart erkämpfter, aber in der Sache völlig verdienter Freispruch. Die junge Frau kämpft gerade dafür, wieder Kontakt zu ihrem Kind zu bekommen.

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