Mitglied im deutschen Anwaltverein & der Strafverteidigervereinigung NRW

DeutscherAnwaltVerein
Strafverteidigervereinigung nrw

Mitteilungen und Verfahren

22.03.2016

Von: Nikolai Odebralski

versuchte Vergewaltigung: Freispruch für Obdachlosen (LG Essen)

Im Zweifel für den Angeklagten - so das Urteil des Landgerichts Essen. Dem Angeklagten war von der Staatsanwaltschaft vorgeworfen worden, an der versuchten Vergewaltigung einer jungen Frau in Gladbeck Ende 2015 beteiligt gewesen zu sein.

Der Fall war von Anfang an skurril:

Ende des Jahres 2015 geht eine junge Spaziergängerin in den Abendstunden in einem Park in Gladbeck spazieren, mit ihr unterwegs ist ihr großer Hund, der Auslauf braucht. Plötzlich steht hinter der Frau ein Mann und drückt ihr ein Messer an den Hals. Gleichzeitig taucht vor ihr ein zweiter Mann auf und versucht ihr die Hose hinunter zu ziehen. Alles geht schnell, beide Männer sprechen miteinander. Es scheint eine Vergewaltigung der Frau bevor zu stehen.

Als die Frau um Hilfe ruft, kommt der auslaufende Schäferhund, beißt einen der Täter in den Arm und schlägt so beide in die Flucht. Die Frau geht sofort zur Polizei und fertigt mithilfe des Landeskriminalamtes ein Phantombild von einem der Täter an; nach den Tätern wird in der Folge landesweit mittels Öffentlichkeitsfahndung gesucht. Die junge Frau hat Angst, geht kaum raus und hofft, dass die Täter bald gefasst werden. Die Suche ist zunächst erfolglos.

Etwa einen Monat später erkennen die Eltern der Frau in Gladbeck im Park ein Mann, der dem Täter nach der Beschreibung ihrer Tochter zu ähneln scheint: der Mann scheint ebenfalls obdachlos zu sein, trägt eine schwarze Hose und hat einen Bart.

Sie rufen den Freund der Tochter herbei, dieser verfolgt den Mann, bringt ihn - als vermeintlichen Vergewaltiger seiner Freundin recht unsanft - zu Boden und fertigt von dem völlig überraschten Obdachlosen Lichtbilder an, die er seiner Freundin per WhattsApp schickt, verbunden mit der Frage dass es dieser Mann doch bestimmt sei.

Die Frau meint, den Täter wieder zu erkennen und bestätigt, dass dies einer der Männer aus dem Park sei. Der - der deutschen Sprache auch nicht richtig mächtige - Obdachlose weiß überhaupt nicht, worum es überhaupt geht. Die Staatsanwaltschaft Essen beantragt Untersuchungshaft für den Mann; er habe keinen festen Wohnsitz, insofern bestehe Fluchtgefahr. Es bestehe zudem der dringende Tatverdacht der Teilnahme an der versuchten Vergewaltigung. Der Obdachlose bestreitet die Vorwürfe vehement - und kommt dennoch im Herbst 2015 in Untersuchungshaft.

Im März 2016 dann die Hauptverhandlung vor dem Landgericht Essen.

Die seinerzeit überfallene Frau wird als Zeugin vernommen und erklärt gleich bei Betreten des Gerichtssaales, sie sei sich absolut sicher, dass der auf der Anklagebank sitzen Angeklagte der Täter sei, welcher sie seinerzeit in dem Park überfallen habe. Auf Nachfragen nach besonderen Merkmalen des Täters folgen sodann allgemeine und wenig detaillierte Angaben beispielsweise, sie könne ihn anhand der Augenpartie identifizieren. Warum genau kann sie aber nicht sagen.

In der Tat weist der Angeklagte eine auffällige Augenpartie auf, jedoch lediglich hinsichtlich seiner Augenbrauen. Diesbezügliche Besonderheiten hatte die Zeugin damals aber gegenüber der Polizei gar nicht mitgeteilt; das Phantombild stellt keine zusammen gewachsenen Augenbrauen dar.

Ohnehin ähnelt das Phantombild dem Mann auf der Anklagebank nicht sonderlich. Der Bart des Mannes auf dem Bild ist viel kürzer, er ist heller und auch die Augenpartie ist anders dargestellt. Angesprochen hierauf erklärt die Frau, das Phantombild zu erstellen sei schwierig gewesen, da sie den Täter in dem Park ja auch schließlich nur kurz gesehen habe. Zudem sei es dunkel gewesen. Ob sie sich, so die Frage des Gerichts, angesichts dessen dann aber trotzden sicher sei, dass es der Angeklagte war? Ja, ganz sicher. Dieses Schwein. Der Angeklagte: ich habe diese Frau noch nie in meinem Leben gesehen.

Auch die Beschreibung, dass die Zeugin sich sicher sei, dass der seinerzeitige Täter ungepflegt gewirkt und nach Schweiß gerochen habe und auch der hiesige Angeklagte nach Schweiß rieche - vermögen nicht zu überzeugen. Denn auch hierbei handelt es sich nicht um ein taugliches Identifizierungskriterium hinsichtlich einer Vergewaltigung. Viele Personen im Bereich der Obdachlosenszene sind ungepflegt und riechen nach Schweiß; ein Rückschluss auf gerade diesen Angeklagten ermöglicht auch diese Aussage nicht.

Zweifel an der Täterschaft des Angeklagten weckt auch insbesondere der Gang seiner Identifizierung: so hatte das Opfer den Mann nicht aufgrund einer polizeilichen Wahllichtbildvorlage als Täter ausgemacht, sondern auf die direkte Nachfrage des Freundes, dass dies doch sicherlich der Mann sei. Einer derartigen Identifizierung kommt indes ein absolut untergeordneter Beweiswert zu. Zudem beinhaltet diese die Gefahr einer suggestiven Verzerrung der Aussage; diese ist vorliegend nicht mehr auszuschließen.

Am Ende der Beweisaufnahme ist offenbar niemand im Saal mehr von der Täterschaft des Angeklagten überzeugt - mit Ausnahme der Vertreterin der Staatsanwaltschaft Essen. In ihrem Plädoyer konstruiert die Staatsanwältin bemüht Gründe, die für eine Täterschaft des Obdachlosen sprechen. Während der Ausführungen der Staatsanwältin wirkt der obdachlose Mann verunsichert, schaut umher, zuckt mit den Schultern und beteuert, mit dem Überfall nichts zu tun zu haben. Er lebe zwar seit längerem auf der Straße, habe sich aber noch nie etwas zu schulden kommen lassen. Er würde keine Frauen vergewaltigen, die Vorwürfe seien absurd. Dennoch beantragt die Staatsanwältin am Ende des Plädoyers fünf Jahre Haft für den nicht vorbestraften Mann, dieser reagiert sichtlich geschockt. Fünf Jahre Gefängnis - wofür denn eigentlich?

Die Strafkammer unter Vorsitz von Richter Martin Hahnemann lässt sich nicht in die irre führen - und spricht den Angeklagten nach dem Zweifelsatz und rechtstaatlichen Grundsätzen frei.

Entgegen den Ausführungen der Staatsanwaltschaft sei nicht auszuschließen, dass die Nebenklägerin, also die Frau, den Angeklagten unbewusst zu Unrecht als Täter identifiziert habe. Es bestehe nach der Aussage der Frau zwar eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass der Obdachlose seinerzeit bei dem Überfall beteiligt war - allerdings bestehen auf der anderen Seite diesbezüglich auch begründete Zweifel. Gemessen hieran - so Richter Hahnemann in der Urteilsbegründung zutreffend - sei der Angeklagte frei zu sprechen.

Der Obdachlose wirkt sichtlich erleichtert, als das freisprechende Urteil verkündet wird. Endlich wieder Freiheit. Endlich wieder mit den Kollegen im Park sitzen. Was passiert ist, kann er irgendwie immer noch nicht richtig verstehen.

Und er freut sich nicht nur über den Freispruch, sondern auch auf die ihm infolge der zu Unrecht erlittenen Untersuchungshaft zustehenden Entschädigungsansprüche nach dem Entschädigungsgesetz (StREG) - welche sich auf etwa 4000 € belaufen. Zwar ein schwacher Trost - aber dennoch eine gewisse Genugtuung. Was er mit dem Geld anstellen wolle, so meine letzte Frage. Keine Ahnung, so viel Geld habe er noch nie besessen.

Ihr Kontakt zu uns:

Fachanwalt für Strafrecht   
Nikolai Odebralski
Huyssenallee 99-103
45128 Essen

Telefon:  +49 201 747 188 - 0
Telefax:  +49 201 747 188 - 29
E-Mail:   info[at]ra-odebralski.de

Geschäftszeiten:
Mo. - Do.: 9:00 bis 13:00 Uhr und 14:00 bis 18:00 Uhr
Fr.: 9:00 bis 13:00 Uhr